Teil 2 im Kinosaal des ehemaligen Staatsratsgebäudes in Mitte. Bekannt ist das Gebäude durch das Nordportal des abgerissenen Schlosses. Von dessen Balkon aus hat Karl Liebknecht 1919 die sozialistische Republik ausgerufen. Dieser Saal in realsozialistischer Vertäfelungspracht bietet über hohe Fenster einen grandiosen Ausblick auf den Schloßplatz, die historische Mitte Berlins. Der Zuschauer sieht eine Ecke der Schinkelschen Bauakademie, sieht die Reste des Palastes der Republik und den mächtigen Berliner Dom, erblickt die Alte Nationalgalerie sowie die Säulenfassade des Alten Museums. Diese baulichen „Mythen der Erinnerung“ sind reale Kulisse. In sanftes Abendlicht getaucht spielen sie in der Inszenierung eine aktive Rolle.    

Don Quijote, im ersten Teil Symbolfigur für Flüchtende, wird jetzt zum Sinnbild des Rückblicks in die deutsche Geschichte. Spiritus rector dieser szenischen Reise in die Vergangenheit ist der Dramaturg und Schriftsteller Ludwig Tieck, der Don Quijote durch seine bis heute unübertroffene Übersetzung zum Bestandteil der Romantik machte.

 

Die Vertreter der Romantik waren fasziniert von den Mythen der christlichen und der vorchristlichen Zeit. Die Nation selbst wurde zum bürgerlichen Mythos und Lebenssinn.

 
       
  Ludwig Tieck
1773–1853
Teil 2 der Theaterreise  
   

Gleichzeitig war mit dem Doppelgänger ein Identitätsstifter für die dunkle andere Hälfte des Individuums gefunden.

 

Die in der Romantik entstandenen mythologischen Ideen schufen Grundlagen für die Ideologie des Natinalsozialismus.

 

Innerhalb des Stücks kommt es zur Konfrontation Don Quijotes mit seinem Doppelgänger, dem 1934 von Thomas Mann unter Furcht beschworenen »Don Quijote der Brutalität«, der als Synonym für Hitler stand.

 

Überträgt der erste Teil »Fliehen mit Don Quijote« die abenteuerliche Situation der Flucht auf die Form, d. h. handelt es sich dabei um eine schnelle, überschäumende Montage, so ist dieser Teil eine stille, ruhige Meditation des Erinnerns.


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